Welttag des Briefeschreibens

Bereite Freude und schreib einen Brief! Am 1. September ist Welttag des Briefeschreibens!

Bereite Freude und schreib einen Brief! Am 1. September ist Welttag des Briefeschreibens!

Zückt die Feder – denn heute ist Welttag des Briefeschreibens – oder im englischen Original «World Letter Writing Day». Der Tag wurde vor vier Jahren von einem australischen Fotografen, Künstler und Autor ins Leben gerufen. Richard Simpkin ist ein Fan von handgeschriebenen Briefen und findet, dass sie viel mehr Persönlichkeit haben als beispielsweise E-mails. Fragt man die Graphologen, würden die auf alle Fälle zustimmen – erkennen sie an der Handschrift einer Person deren Charakter. Persönlicher als eine E-mail und auch als eine SMS oder What’s app Nachricht ist ein Brief ganz bestimmt, denn wenn ich einen handgeschriebenen Brief erhalte, dann weiss ich, dass sich die Person besonders viel Zeit und Mühe genommen hat, um mir - und nur mir - zu schreiben und ich ihr deshalb etwas bedeute. Ein handgeschriebener Brief erfordert sicherlich auch etwas mehr Zeit als wenn man am Computer in die Tasten greift. Zeit - nicht nur um möglichst schön zu schreiben, sondern auch Zeit, um sich Gedanken zu machen, was man der Person eigentlich mitteilen möchte. Denn so schnell wie auf dem Computer die Delete-Taste zu drücken, kann man die Fehler auf dem Blatt ja nicht korrigieren, und meist sieht man sie auch. Doch statt jenste Blätter anzufangen und zerknüllt in den Kübel zu werfen, denke ich, dass gerade auch sichtbare Imperfektionen dem Brief seine persönliche Note verleihen. Und vielleicht gehört ein Tassenabdruck vom Kaffee oder Weinglas und eine vergossene Träne, die die Schrift verwischt, ja sogar auch dazu.

Der Gang zum Briefkasten ist ein Moment der Erwartung, und ganz besonders liebe ich es, wenn mich ein handgeschriebener Brief überrascht. Er ist ein unerwartetes Objekt, ja geradezu eine Rarität zwischen den vorgedruckten Umschlägen von Rechnungen und Werbebriefen. Er sticht heraus durch sein andersartiges Aussehen, der Umschlag vielleicht nicht weiss, sondern farbig, vielleicht dekoriert, bemalt, beklebt. Dann die von Hand geschriebene Adresse, die Briefmarke mit dem Stempel, die die Herkunft des Briefes verraten. Die Aufregung ist gross, und die Frage über den Absender drängt sich auf. Drehe ich den Brief, löst sich die Frage vielleicht schon auf, sofern der Absender seine Adresse hinterlassen hat. Den handgeschriebenen Brief bringe ich wie einen kleinen Schatz in meine Wohnung. Vielleicht koche ich noch eine Tasse Tee, bevor ich mich aufs Sofa setze und ihn mit aller Sorgfalt öffne – ein fast heiliger Moment. 

Handgeschriebene Briefe sind kostbare Zeitdokumente. Als es noch kein Internet gab, fungierten sie als wichtige Kommunikationsmittel. Und für einen Gefängnisinsassen wie etwa für Dietrich Bonhoeffer während seiner Haft im zweiten Weltkrieg waren Briefe das Tor zur Aussenwelt. Ja, die Briefwechsel mit seiner Verlobten Maria von Wedemeyer oder seinem Freund Eberhard Bethge waren ihm Lebenselixier. Heute füllen sie Bücher und lassen uns teilhaben an seinen Sehnsüchten, Ängsten und innersten Gedanken. 

Intime Briefwechsel bleiben uns auch von vielen Liebespaaren erhalten, wie etwa der des Schriftstellers Henry Miller und seiner Muse Anaïs Nin. Ein Brief geht eben nicht so schnell verloren wie eine Nachricht in der Flut von Informationen der digitalen Welt. Und öfter wird er daher auch lange aufbewahrt. Ein Brief bleibt also immer auch ein Beweisstück, und wenn man möchte, dass er nicht entdeckt wird, muss man ihn schon nachhaltig entsorgen, zum Beispiel verbrennen. 

Geschehen ist das bei mir mit einigen Briefen von ehemaligen Liebhabern. Aber noch immer stapeln sich bestimmt um die Hundert Briefe in Schachteln von Brieffreundinnen aus fernen Ländern, aber auch von ehemals sehr nahen Freundinnen. Sie erinnern an eine besondere Zeitspanne und rufen sofort nostalgische Erinnerungen hervor. Sobald ich einen öffne und anfange zu lesen eröffnet sich mir eine ganze Welt. Viele Briefe haben wir einander geschrieben, sogar, wenn wir uns oft sahen. 

Mindestens genauso wie ich es liebe, handgeschriebene Briefe zu erhalten, liebe ich es, Briefe zu schreiben, den Umschlag zu dekorieren und jemanden damit zu überraschen. Gerade diese Woche habe ich eine SMS erhalten, in der sich eine Freundin für die Briefe und Geschenke von mir bedankt, die sie offenbar aufbewahrt hat und wieder entdeckt hat. Und oft passiert es mir, dass ich der Person am Postschalter ein erstauntes Lächeln aufs Gesicht zaubere, wenn ich meine persönlich gestalteten Umschläge aufgebe.  

Mitmachen beim Welttag des Briefeschreibens ist ganz einfach: sich jemanden in Erinnerung rufen, dem man eine Freude machen möchte, die Feder, den Füllfederhalter oder einen schönen Stift zücken, ein Blatt Papier, ganz schlicht oder schön handgeschöpft aus der Papeterie und los gehts. Es müssen ja nicht seitenweise Ergüsse sein – wichtig ist die richtige Intention und die Überraschung wird bestimmt glücken. 

September 2018

Dieser Text wurde auch auf dem Fontis Blog veröffentlicht:
https://www.fontis-verlag.com/welttag-des-briefeschreibens/