No white saviors!?

Mit einem Herz berstend voller Liebe und Dankbarkeit lande ich zurück in der Schweiz. Nur ein kurzer Aufenthalt in Burkina Faso, doch genügend lang, um mein Weltbild einmal mehr von Neuem auf den Kopf zu stellen. Ich bin hier mit dem Kinderhilfswerk Compassion, das Patenschaften vermittelt und damit Kindern in den ärmsten Ländern der Welt eine Zukunft ermöglicht. Eine Patenschaft hilft dem Kind auf verschiedenen Ebenen: der spirituellen, physischen, sozialen und wirtschaftlichen. Bildung ist wichtig, die Kinder gehen in die reguläre Schule, arbeiten aber auch an ihrem Charakter, lernen gute Umgangsformen und werden in einer fruchtbaren Umgebung in ihren persönlichen Begabungen gefördert. 

Burkina Faso gehört zu den zehn ärmsten Ländern der Welt und ist mehrheitlich muslimisch. Der Name bedeutet «Land der aufrichtigen Menschen». 20 % der Kinder hier sind unterernährt. Dies und Krankheiten wie Malaria, Meningitis und HIV gehören zu den meisten Todesursachen. Jedes 10. Kind stirbt vor seinem 5. Lebensjahr. Seit 2004 ist Compassion in dem Land im Westen Afrikas vertreten. Unterdessen werden ca. 85'000 Kinder in 290 Zentren unterstützt. Eine Patenschaft kann ein Kind schon vor dem Tod retten, sie kann ab dem ersten Lebensjahr eines Kindes beginnen. 

Im Headquarter von Compassion in Ougadougou werden wir am Montag morgen von engagierten Mitarbeitenden begrüsst. Um 8 Uhr geht es mit der Morgenandacht los. Mit vollen Stimmen und viel Rhythmus im Blut wird zu Gott gesungen. Die Hingabe und Freude der Menschen hier ist ansteckend. Schnell habe ich den langen Flug und die kurze Nacht mit nur drei Stunden Schlaf vergessen. Einige Frauen tragen farbenfrohe Kleider und rasseln mit Instrumenten. Worship african style! I love it! 

Danach gibt es Informationen über die Arbeit in Burkina Faso und eine Tour durchs Office. Besonders spannend finde ich es in der «Briefeabteilung». Täglich kommen 3000 Briefe von Patenkindern rein und werden an die Paten weitergeleitet. Die Briefe von beiden Seiten werden ausgedruckt und in den Ordnern der Kinder abgelegt. Der Briefverkehr zeugt davon, dass es bei einer Patenschaft nicht nur um anonyme Geldspenden geht, sondern dass eine persönliche Beziehung zwischen den Paten und ihren Kindern stattfindet.

Anschliessend geht’s im Bus auf holprigen Strassen zu einem Kinderzentrum. 250 Kinder werden hier betreut. Mindestens so viele springen uns entgegen, sobald wir die Türen des Vans öffnen. Manchmal muss man es auch aushalten, nicht (sofort) helfen zu können. Dies habe ich in verschiedenen anderen Situationen bereits erlebt. Es ist nicht einfach, aber man muss auch abgeben können und nicht immer alles unter eigener Kontrolle wissen wollen. Ich habe das Bedürfnis die Kids zu umarmen, doch niemals würde ich mir einfach ein Kind schnappen. Ich strecke meine Hand aus, denn so würde ich auch daheim jemanden grüssen, den ich nicht kenne. Kaum ist allerdings das Eis gebrochen und der erste Schritt gemacht, streckt sich mir Hand um Hand entgegen, schüttle ich eine kleine Hand nach der anderen, gebe «High Five». Ich werde von allen Seiten von lachenden Kindern bedrängt und muss lachen. Es kann sein, dass es hier Kinder gibt, die zum ersten Mal eine weisse Hand berühren. Na ja, auch ich bin zum ersten Mal im «richtigen» Afrika, einmal abgesehen von Besuchen eher touristischer Art in Ägypten, Marokko und Südafrika. Mir wird bewusst, dass meine tätowierten Arme zusätzliches Interesse wecken. Mehrere Kinder hängen an meinen Arm, als möchten sie ein Stück davon behalten. Sie freuen sich und ich freue mich, dass sie sich so an mir freuen. Wir strahlen einander an und es gibt ein paar schöne Fotos.

«No white saviors» kommentiert einer ein Foto auf Instagram. Es klingt nicht sehr positiv und wie ich später lese, ist es ein kritischer Begriff. GemässAutor und Filmproduzent Jordan Flaherty ist ein «white savior»: «eine privilegierte Person, die sich einer Sache annimmt, über die sie wenig bis gar nichts weiss, und dabei auf Lösungen beharrt, die unausweichlich mehr Übel verursachen als Gutes. Die Mentalität des Retters kann nicht existieren, ohne die Menschen in Objekte zu verwandeln, die gerettet werden müssen» [1]. Auch gibt es Cartoons, die auf den Begriff hinweisen. Da werden Volontäre gezeigt, die in Länder des Globalen Südens reisen und Selfies von sich und «armen» oder «kranken» Menschen machen und diese auf ihre Social Media Kanäle posten. Besonders wird darauf hingewiesen, dass man keine Selfies machen sollte, bei denen man im Zentrum des Fotos zu sehen ist. Also keine Kinder um sich scharen um den Blick auf sich selbst als Helden zu lenken. 

Ups, davon wusste ich nichts. Es ist ja nicht so einfach, dass man nicht gleich viele Kinder um sich hat. Auf einigen Bildern mit vielen Kindern bin ich nicht ganz in der Mitte, sondern etwas links oder rechts zu sehen, aber bei anderen bin ich im Vordergrund von vielen Kindern. Kurzum - darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht und das ist auch gut so. Nicht dass die Kritik an «weisse Retter» nicht auch ihre Berechtigung haben kann. Mit der Geschichte des Kolonialismus sind nicht nur gute Dinge passiert. Und die Motivation eines Einsatzes als Volontär muss jeder für sich selber prüfen. Helfe ich um als wohltätige Person anerkannt zu werden? Oder habe ich ein «Helfer-Syndrom» und benötige andere um mich besser zu fühlen, mein Selbstbewusstsein zu stärken und meine Identität zu definieren?

Nun, mit Fotos kann man es auch übertreiben. Aber ein paar Bilder zu haben, die man als Erinnerung schiesst und mit Freude postet, um auf das Hilfswerk aufmerksam zu machen, empfinde ich als legitim. Ausserdem haben sich die Kinder aus Freude um mich geschart und ich mich auch aus Freude unter sie gemischt. Als Objekte sehe ich sie ganz bestimmt nicht, im Gegenteil. Und sie sind auch nicht nur arm oder zu bemitleiden. Sie sind allesamt wichtige und wertvolle Menschen, jedes einzelne. Ob sie später nun Ärzte werden oder Feldarbeiter. Und am fotografiert werden haben sie meist auch ihren Spass, oft scheint es, als würden sie dadurch auch geehrt werden. 

Klar möchten wir helfen, und das tut Compassion auch. Ein Kind nach dem anderen wird aus der Armut befreit und ihm eine hoffnungsvolle Zukunft ermöglicht. Das Hilfswerk arbeitet nur mit lokalen Personen und Kirchen zusammen. So wird garantiert, dass die Hilfe eben nicht von aussen kommt und am Ziel vorbeischiesst, sondern dass auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes und den Begebenheiten des Landes entsprechend eingegangen wird. Die Hashtags von Compassion auf Instagram sind demnach: #kinderausarmutbefreien #onechild #einkindnachdemanderen #imnamenjesu.  

Doch die Welt retten? So etwas würde sich Compassion und ich erst recht nicht einbilden. Was wäre dies auch für eine Bürde! Aber ein Kind nach dem anderen aus Not befreien. Im Namen von Jesus Christus. Er ist der einzige wahre Retter. Ich glaube, dass wir uns alle nach einem Retter sehnen, ob wir arm sind oder reich, ob wir in Afrika leben oder in Europa. Doch kein Mensch kann einen anderen wirklich retten. Die Liebe von Jesus hingegen ist endlos und seine Gnade gilt jedem, der sie annimmt. Darum haben diese Kinder eine hoffnungsvolle Zukunft, die übers Leben hinaus währt. Weil sie nicht nur Hilfe und Unterstützung durch Menschen erhalten, die durch die Barmherzigkeit Jesu handeln, sondern vor allem weil sie ihre Identität auf den einen Gott bauen können, der sie nie verlassen wird. Der ihnen ewiges Leben schenkt. Egal was passiert. Und darum helfen wir. Nicht aus Pflicht, um unser Gewissen zu reinigen oder Karma-Punkte zu sammeln, sondern aus Dankbarkeit, dass wir diese Rettung selber erfahren haben. Sie lässt uns freudig und selbstlos weitergeben.

 Bald ist Weihnachten. Eine Zeit um sich erwartungsvoll zu freuen. Denn der Retter kommt. Der echte «savior». Nicht «white», wohl auch nicht «schwarz», wahrscheinlich war Jesus etwas dazwischen. Wichtiger als die Hautfarbe ist die wirkliche Bedeutung von Weihnachten, die immer mehr in Vergessenheit gerät. Die Realität, dass wir alle einen Retter benötigen, sei es das «arme» Kind in Afrika oder wir, die «reichen» Europäer. Alle brauchen wir Liebe, Frieden und Hoffnung. Jesus ist als das wahre Licht in diese Welt gekommen. «Er kam in seine Welt, aber die Menschen wiesen ihn ab» heisst es im Johannes Evangelium (1,11). Ist das nicht traurig? Bei uns herrscht Konsum und Geschäftigkeit, der durchschnittliche Schweizer gibt 450 Franken für Weihnachtsgeschenke aus. Diesem Irrsinn habe ich schon lange abgeschworen. Und diese Weihnachten werde ich einen Teil meines Geldes noch einmal anders einsetzen. Eine Verpflichtung eingehen und die Verantwortung für ein Patenkind übernehmen. Ein Kind auswählen, das einen Namen hat, eine Familie, Vorlieben, Freunde und Zukunftspläne. Und mir monatlich vielleicht zwei Bücher oder einen Pulli weniger kaufen. Ich freue mich darauf, diese persönliche Beziehung zu starten. Machst du auch mit? Damit einem Kind nach dem anderen eine hoffnungsvolle Zukunft geschenkt werden kann.

Und irgendwann vielleicht doch noch die Welt gerettet wird..... denn «Die ihn aber aufnahmen und an ihn glaubten, denen gab er das Recht, Kinder Gottes zu werden» (Johannes 1,12). Was für eine wunderbare Verheissung und sie gilt für dich und mich! 

Weihnachten 2018

[1] Jordan Flaherty: No more heroes: Grassroots Challenges to the savior mentality. AK Press. 2016

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